Mannsein von A  bis Z, meine Denkwerkstatt zum Mannsein

  

Abbild Gottes

 „Gott schuf den Menschen als sein Abbild. Als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen, seid fruchtbar,…“ (Genesis 1,27f) Jeder Mann ist ein Mensch. Jede Frau ist ein Mensch. Jeder Mann ist Abbild Gottes. Begabt mit dem Talent ein Mann zu sein. Jede Frau ist Abbild Gottes. Begabt mit dem Talent eine Frau zu sein. Der Männerforscher Paul M. Zulehner hat diese Idee entwickelt, Mannsein bzw. Frausein als Talent zu betrachten.

Abbild Gottes sein heißt für mich: kostbar sein, unverfügbar sein, entwicklungsoffen sein, je neu und je anders sein zu dürfen – anders als jedes Bild, das sich andere von mir gemacht haben. Abbild Gottes, der Mensch: als Mann und Frau. Abbild Gottes: nie ergründbar, stets Rätsel, stets neu und überraschende Gabe für sich selbst und füreinander. Es gibt nicht „die Männer“. Es gibt nicht „die Frauen“. Die Unterschiede der Männer und der Frauen untereinander sind größer als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Was aber bedeutet es, ein Mann zu sein? Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Worin besteht der persönliche Segen, die persönliche Potenz, fruchtbar zu sein? Die Antworten zu entwickeln ist anspruchsvoll. Dabei braucht es Begleitung. Kirchliche Bildung und Seelsorge in  Frauenarbeit und Männerarbeit leistet solche Begleitung. Sie ist unverzichtbar! Menschsein als Abstraktum gibt es nicht. Daher braucht es eine eigene Thematisierung des Menschseins als Mann und des Menschseins als Frau, wie dies – jenseits klassischer Rollenzuschreibungen - ganz individuell entfaltet und gefärbt sein kann. Angebote finden Sie unter www.maennerarbeit.info (Männerarbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart) und auf dieser homepage.

 

Adam

Dass ich männlichen Geschlechts bin ist eine Gabe, ein Geschenk. Und ich mag das biblische Bild, dass ich von Gott aus rotem Ackerboden, aus feuchtem Humus geformt worden bin. Dass ich ein Adam, ein Erdling bin. Der Männerspiritual Richard Rohr hält diesen erdverbundenen Mann für so bedeutsam, dass er ein Buch mit dem Titel geschrieben hat: „Adams return“ – Adams Wiederkehr.

Weshalb der Adam so wichtig ist? Weil Adam, der Mann, sich seiner Nacktheit nicht zu schämen brauchte. Und weil Adam barfuß ging und ein lebendiges Gespür dafür hatte, wie unmittelbar sein Leben mit dem Erdboden und seinen Pflanzen und Früchten verwoben ist. Seit der Mann über die Erde stiefelt, hat er zunehmend an vitalem Kontakt zum Erdboden verloren. Wie könnte er sonst seine Lebensgrundlage so zertreten, ausbeuten und zerstören? Ich gehe gerne morgens barfuß über eine Wiese, die noch feucht ist vom Tau. Ich stecke gerne meine Zehen in einen frischen Maulwurfshügel. Das sieht lustig aus. Und ich erinnere mich an die innere Verbindung von Humus und Humor.

Kürzlich stand ich mit einer Gruppe von Männern auf einem Hochplateau und wir betrachteten den Sonnenuntergang. Anschließend empfahl ich den Männern, mit beiden Händen in die Maulwurfshügel zu greifen und die Erde aufzuheben: Darauf stehe ich. Daraus bin ich geschaffen. Davon lebe ich. Und dann: lasst die Erde durch Eure Hände zu Boden rieseln: dahin kehre ich zurück. - Adam, wo bist Du? (Genesis 3,9)

 

Adams Atem

Der erste und der letzte Schnaufer des Adam markieren mir ebenfalls bedeutsame Punkte im Bereich von Geschenk und Gabe: „Gott blies dem Adam seinen Lebensatem in die Nase und so wurde er zu einem lebendigen Wesen.“(Genesis 2,7) Habe ich in meinem ersten Schnaufer nach meiner Geburt begonnen Gott zu atmen? Und werde ich einst im letzten Schnaufer nicht nur meinen sondern auch Gottes Geist aushauchen? Unter Spiritualität begreife ich mein Gewahrsein für ein Wehen des spiritus = AtemGeistWindHauch in mich hinein, in mir, durch mich hindurch, aus mir heraus, in dem ich allem was atmet verbunden bin. Wir sind im selben Lebensfluss, im selben Fluidum, derselben Atmosphäre. Ja war es nicht Adam selbst, der den schöpferischen Beatmer darauf aufmerksam machen musste, dass nur eine ischah (Männin) dem isch (Mann) als Gefährtin wirklich entspricht?–

 

Atem

Im Laufe der Jahre ist mir der Atem als die Grundkraft des Lebens immer wichtiger geworden. Bereiche meines Organismus, in die der Atem nicht mehr ungehindert fließen kann, wo der im Blut gebundene Sauerstoff die Zellen nicht mehr erreicht, leiden Mangel.

Diese Bereiche verspannen sich unter fortgesetztem Sauerstoffmangel, dann verkrampfen sie sich, schließlich verhärtet die Muskulatur und verpanzert vornehmlich die Schulter, Nacken- und Rückenpartie. Angst macht den Organismus eng, dort wo Verletzung droht. Fürchte ich Nackenschläge, ziehe ich schon vorher das Genick ein. Wenn ich danach nicht bewusst entspanne, bleibt die Spannung und wird im Lauf der Zeit zur Körperhaltung, zum Habitus. Und ich spüre die Verspannung gar nicht mehr, weil ich daran gewöhnt bin. Lebe ich gar am Ende unbewusst wie ein Ritter, dem seine Rüstung um den Leib gewachsen ist?

Verpanzerung schützt. Das nützt. Aber sie hindert auch. Sie lässt nur wenig von außen nach innen und nur wenig von innen nach außen. Mein Leben verarmt. Wieviel Trauer, Schmerz und Wut wird so nie ausgedrückt, wieviel Liebe nie empfangen und gezeigt?  Magnesium, Kalium und Sauerstoff helfen, wieder durchlässiger zu werden.

Gott hat mir seinen Lebensatem in die Nase geblasen, so wurde ich zu einem lebendigen Wesen. Ist meine Aufmerksamkeit für den Atem also Gottesdienst? Ich finde schon, dass sie das ist. Ganz sicher dient sie der Förderung meiner Lebendigkeit. Gott will lebendige Männer. Im Atem Gottes schmelzen die eisernen Ringe um die Brust des verpanzerten Ritters.

Aufatmen: Du bist ein Mann und bleibst immer ein Mann

„Endlich Mann werden“ – ein solcher Buchtitel suggeriert, dass es an der Männlichkeit der Männer hapert. Ich habe mich lange mit der Frage beschäftigt, was es denn bedeuten könnte, ein “ganzer Mann“, ein „richtiger Mann“, ein „kerniger Mann“, ein „echter Kerl“ zu sein. Diese Begriffe sind ja bis heute weiterhin in Publikationen zum Mannsein zu finden. Die Suche nach einer Antwort hat mich auf eine falsche Spur geführt. Ich glaubte, dass mir andere Männer diese Frage stimmig beantworten könnten. Etwa in einer „Anleitung zum Männlichsein“ der Brüder Andreas und Stephan Lebert (mit Ritter als Coverbild!, Fischer 2007). Ich glaubte, dass die Antwort also von außen käme. Und von außen kommen tatsächlich jede Menge ungebetene Antworten, Erwartungen und Rat-Schläge: Sei stark! Zeige Durchhaltevermögen! Setze dich durch! Heul bloß nicht! Zeige Kante! Stell dich nicht so an! Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Das musst du schon vertragen können!. – Die Liste ließe sich fortsetzen. Und steigern: Sei stärker als …! Halte länger durch als … ! Vertrage mehr als …! Usw. – Natürlich kann es hilfreich sein, dass ich mich in andern Männern spiegle, um meine Vorstellungen von Männerleben zu bereichern. Aber vergleichen hilft nicht. Es hilft schon gar nicht, einfach die Vorstellungen und Erwartungen von Frauen erfüllen zu wollen. Das geht ganz schief.


Was aber lässt mich aufatmen? Vor vielen Jahren hat der Pädagoge Reinhard Winter im Rahmen einer Männertagung die Teilnehmer gebeten, sich zu zweit zusammen zu stellen. Dann sollte der eine dem andern gegenüber stehen, ihm die Arme auf die Schultern legen, ihm freundlich in die Augen sehen und ihm zusprechen: „(N.) Franz, Du bist ein Mann. Du bist immer und du bleibst immer ein Mann. Dafür brauchst du nichts Besonderes zu tun oder zu leisten.“  Das war ein erster Schritt zur Erlösung. Durch den Saal ging ein großes spürbares und hörbares Aufatmen. Braucht es also doch eine Orientierung, eine Zusage von außen? In diesem Sinne ja. In der Begegnung mit dem Du, hier dem anderen Mann, den anderen Männern, denen ich mich als entwicklungsorientierter Mann verbunden bin, erfahre ich grundlegende Stärkung und Entlastung: Lass Dir das einmal sagen: Du bist immer und du bleibst immer ein Mann, dein ganzes Leben lang. Das ist die Grundlage dafür, nun nach innen lauschen zu können mit der Frage: wie will ich leben, was will ich entfalten? Wie werde ich dabei meinem Mannsein Gestalt geben?

 

Aggression

Der Begriff Aggression ist schwierig, weil er bereits einseitig besetzt ist im Sinn von zerstörerischer Kraft. Diese Seite gehörtzweifellos dazu. Wer mit dem Bohrhammer eine Wand abbricht, wer einen Baum fällt, wer Kartons in kleine Stücke reißt zerstört mit Kraft. Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie betrachtete den Vorgang des Essens mit Abbeißen und Kauen als den grundlegenden zerstörerischen Vorgang. Wer nicht ordentlich sein Essen beißen und kauen mag, wird möglicherweise auch sonst im Leben keinen Biss haben.

Aggression hat also mit Umgestalten zu tun. Das Wort leitet sich ab vom lat. aggredi, = herangehen an. Es geht darum, an jemanden oder eine Sache heranzugehen, um etwas zu bewirken und zu erreichen. Aggression ist der Antrieb zur Kontaktaufnahme. Und Kontakt geschieht immer an der Grenze zum anderen Menschen oder zur Sache. Insofern schafft Aggression Beziehung, denn sie bringt in Kontakt, in Berührung. Wenn ein Redner oder Sänger ohne die Kraft der Aggression die Bühne betritt, wird er das Publikum nicht erreichen. Seine Lust, sich auszudrücken zeigt sich in seiner Körperspannung, seinen blitzenden Augen, seiner Stimmkraft: Das Publikum ist berührt. Die Atmosphäre verändert sich: man könnte eine Stecknadel fallen hören… .

Wenn ein Mann keine Entschlossenheit findet, eine Sache anzupacken und durchzustehen, könnte sein Zugang zur ursprünglichen Vitalität gestört oder vergiftet sein. Vielleicht gerade dadurch, dass man jede kraftvolle Lebensregung, ja schon ein kraftvolles Wort sofort in die Nähe von Gewalt gerückt hat. Wir arbeiten viel mit Männern, dass sie sich an ihrer körperlichen Kraft freuen lernen, weil sie üben, sich mit ganzer Kraft kontrolliert, gerichtet, gebahnt zu zeigen.

Wenn allerdings ein Mann gedemütigt und gepiesackt wird, kann es sein, er kommt an seine Schmerzgrenze und schlägt dann zurück. „Sei nicht so aggressiv!!“ hört er dann. Da ist nun eine wichtige Unterscheidung zu Aggression vorzunehmen: Aggressiv werden und Aggressivität enthalten bereits eine Ladung von Wut und Frust. Thomas Scheskat nennt diese Form vergiftete Aggression. Wer es längere Zeit nicht schafft, denen, die ihn ärgern, kränken, ins Leere laufen lassen, klar zu sagen, wie es ihm geht und was er erwartet, wird vergiftet. Irgendwann bringt ein letzter Tropfen das Fass zum Überlaufen. In der Gewaltprävention lehren wir, Aggression zu leben. Weiterlesen: Karl Frielingsdorf, Aggression stiftet Beziehung, Matthias Grünewald Mainz 1999.

 

Archetypen

Gegenwärtig können wir lesen, dass Knochenfunde in einer Höhle in Südafrika darauf hindeuten, eine neue Gattung des Urmenschen gefunden zu haben. Er hat ein Gesicht bekommen und einen Namen: Homo naledi. Unabhängig davon, was in Zukunft daraus wird, zeigt dies, wie sehr Menschen am Ursprung, griech, an der Archä interessiert sind. Es ist bekannt, dass die körperliche Entwicklung des Menschen sich über Jahrhunderttausende vollzogen und bestimmte körperliche Merkmale hervorgebracht hat, wie den aufrechten Gang, die wir als gegeben betrachten. Ich halte die Schlüsse von C.G. Jung für plausibel, dass auch die Seele durch diese lange Entwicklungszeit eine, wenn auch noch so feine, Prägung erhalten hat. Diese Prägung wurde mit den geätzten Leiterbahnen einer Platine für elektronische Geräte verglichen. Solche inneren Muster fand C.G. Jung unabhängig von Kultur und Entwicklung auf der ganzen Welt und nannte sie: König, Krieger, Liebhaber und Magier.

Der Magier ist der Wissende, der sich in Ausbildung und Studium Spezialwissen eines Handwerks oder einer Wissenschaft angeeignet hat und damit in den Augen des Ungelernten „magisch“ wirkt. Ferner hat er ein Gespür für Transzendenz, für die Dimensionen jenseits der messbaren und berechenbaren Welt.

Der Liebhaber vergisst sich staunend beim Anblick einer schönen Blume, einer attraktiven Frau, eines restaurierten Oldtimers, oder beim Klang einer Panflöte, oder eines Sinfonieorchesters und würde sich darin verlieren, wenn nicht der Krieger dafür sorgte, Grenzen zu ziehen mit dem Messer des Verstandes.

Der Krieger treibt an, neue Räume zu erobern und zu besetzen und verteidigt die eigene Position. Ohne Liebhaber kann er zur gefährlichen Kampfmaschine werden. Der Krieger muss lernen. Als Krieger in der ersten Entwicklungsstufe handelt er nach dem Motto: Vernichte alle, die anders glauben als du. In der zweiten Entwicklungsstufe folgt er dem Leitwort: Bekehre alle, die anders glauben als du. Erst der reife Krieger ist bereit, zuzuhören, in Dialog zu treten, den anderen leben zu lassen in seinem Glauben. Er weiß, wann es wirklich um Leben und Tod geht.

Der König vereint alle Archetypen in sich in einem dynamischen Zusammenspiel. Der König ist der Souverän in seinem Reich. Er kümmert sich darum, dass es gedeiht und blüht, indem er Ansehen schenkt, würdigt, ermutigt, segnet. Neben diesen vier Grundarchetypen, den Urbildern der männlichen Seele, wurden von anderen Autoren noch weitere benannt. Sehr beschäftigt haben mich „der Verwaiste“ und „der Wanderer“, die Heribert Fischedick ausführlich beschreibt. Weiterlesen: Heribert Fischedick, der Weg des Helden, Selbstwerdung im Spiegel biblischer Bilder, Kösel München 1992; und: Robert Moore, Douglas Gillette, König, Krieger, Liebhaber, Magier, Kösel München 1992.


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